Pflegegrad Höherstufung

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Kein System ist perfekt, dazu zählt auch die Verteilung der Pflegegrade (vormals Pflegestufen), die, basierend auf dem elften Sozialgesetzbuch, kurz SGB XI, erfolgt. Weil auch der Staat diesen Umstand anerkennt, gibt es die Möglichkeit für Pflegebedürftige eine Höherstufung in einen anderen Pflegegrad (ehemals Pflegestufe) zu beantragen. Konkret heißt das also, wenn man den eigenen Pflegegrad für unangemessen hält, dann hat man zumindest theoretisch die Möglichkeit auf eine Verbesserung und somit eine Erweiterung der gesetzlichen Leistungen, die bei der Pflege erbracht werden. Im Rahmen der Pflegestatistik 2019 von Sanubi wurde versucht herauszufinden, ob diese Chance auf eine Höherstufung in der Praxis auch wirklich gegeben ist. Die Ergebnisse sind erschreckend und zeigen große Probleme auf. Wo genau die Schwachstelle des aktuellen Systems liegt und wie man dieser vielleicht beikommen könnte, erfahren Sie jetzt!

Wie funktioniert die Höherstufung in einen anderen Pflegegrad?

Um die Schwierigkeiten bei der Höherstufung in einen anderen Pflegegrad verstehen zu können, muss man zuallerst das System an sich näher betrachten. Dabei hilft es zunächst einmal die Rahmenbedingungen zu beleuchten. Grundsätzlich kann ein Höherstufungsantrag, schriftlich, alle 6 Monate oder bei rapider Verschlechterung jederzeit gestellt werden. Man beantragt dann keinen konkreten, höheren Pflegegrad, sondern eine allgemeine Höherstufung. Um diese erteilt zu bekommen, steht dann eine weitere Begutachtung, abermals anhand des “Neuen Begutachtungsassessments”, kurz NBA, an. Durchgeführt wird diese wie gewohnt vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen, also dem MDK oder bei Privatversicherten von der Firma MEDICPROOF. Außerdem muss man bei der Antragstellung neben den üblichen Angaben, zusätzlich erläutern wodurch man sein Anliegen begründet sieht.

Höherstufung: Sind die Pflegegrade angemessen?

Das System der Höherstufung ist relativ kompliziert, mitunter langwierig und macht damit die alles entscheidende Frage, nämlich die, ob die Pflegegrade angemessen sind oder zumindest als angemessen empfunden werden, umso wichtiger. Genau deshalb hat Sanubi pflegende Angehörige im Rahmen der Pflegestatistik dazu befragt. Zunächst galt es herauszufinden welchen Pflegegrad die Teilnehmer der Umfrage haben. Ungefähr ein Drittel der Befragten verfügt über Pflegegrad 3, 40 Prozent über Pflegegrad 2 und auch die Verteilung der Pflegegrade 1, Pflegegrad 4 und Pflegegrad 5 spiegelt die Situation in Deutschland gut wieder. Ein Umstand, der der Pflegestatistik von Sanubi zusätzlich Brisanz verleiht. Gleichzeitig haben wir die Frage gestellt, ob die Befragten mit diesem Pflegegrad zufrieden sind. Das Resultat war erschütternd, denn beinahe 40 Prozent haben dies verneint. Im Detail sehen die Ergebnisse folgendermaßen aus:

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Wie häufig wird die Höherstufung in einen anderen Pflegegrad beantragt?

Alles halb so wild, schließlich kann man ja einen Antrag auf Höherstufung stellen. – So oder so ähnlich lautet wohl bei den meisten die erste Reaktion auf die eben vorgetragenen Daten. Die Realität in einer Pflegesituation sieht jedoch anders aus, denn rund zwei Drittel aller Befragten beantragt keine Höherstufung in einen anderen Pflegegrad. Auf die Frage, woran das liegt, antworten die meisten ernüchtert und desillusioniert. Antworten wie “Keine Zeit”, “Keine Aussicht auf Erfolg”, “Möglichkeit unbekannt” und “Probleme mit Behörden” rufen zurecht Bestürzung hervor. Überzeugen Sie sich selbst:

Pflegegrad Höherstufung beantragt

Höherstufung Pflegegrad: Ein Hauptproblem

Die Pflegestatistik von Sanubi zeigt klar, Höherstufungen in einen anderen Pflegegrad, sind oft keine Option. Der Versuch eine solche zu erwirken, wird oftmals sogar gar nicht erst unternommen. Basierend auf den Ergebnissen der Umfrage hat sich in den Augen von Sanubi ein strukturelles Hauptproblem hervorgetan, das höchstwahrscheinlich viele gar nicht auf dem Radar haben, das aber insgeheim wohl eine Ursache für viele Schwachstellen beim Pflegebedarf sein dürfte. Gemeint damit ist das Begutachtungsverfahren zur Erteilung eines Pflegegrades, also das Neue Begutachtungsassessment selbst. Um die Problematik mit dem System zu zeigen, sollen abermals Daten aus der Pflegestatistik herangezogen werden. Hier wurde nämlich auch gefragt, bei welchen Tätigkeiten, in welchem Umfang Hilfe empfangen oder geleistet wird. Die Wahrnehmung zwischen Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen, differenziert stark und das bei einer jeweils annähernd gleichen Verteilung der Pflegegrade. Konkret sieht die Datenlage folgendermaßen aus, achten Sie dabei vor allem auf die Punkte Organisatorisches, Einnahme von Medizin, Nahrungsaufnahme und Toilettengänge:

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Der Zusammenhang dieser Daten mit der Problematik der Höherstufungen liegt nicht sofort auf der Hand, besteht aber dennoch. Gemeint ist der massive Unterschied der Eigenwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung des Pflegealltags. Bei den wichtigen Punkten, nämlich denen, die entscheidend sind für die Vergabe des Pflegegrades, untertreiben die Betroffenen massiv bei Ihrer eigenen Pflegebedürftigkeit. Im Rahmen des NBA wird der Pflegegrad anhand der Selbstständigkeit der betroffenen Personen ermittelt. Die eigene Einschätzung spielt dabei eine extrem wichtige Rolle, weshalb stets zu absoluter Offenheit geraten wird. Problematisch wird das allerdings, wenn die eigene Einschätzung von vornherein getrübt wird, durch Stolz oder Angst davor, eigene Schwächen zuzugeben, oder aber der Pflegebedürftige nimmt erst gar nicht wahr welcher immense organisatorische Aufwand mit seiner Pflege verbunden ist. In solchen Fällen stellt sich dann ganz logisch die Frage, ist so ein System überhaupt das richtige?

Höherstufung Pflegegrad: Lösungsansätze

Die Pflegestatistik von Sanubi zeigt, was für viel pflegende Angehörige ein bekanntes Problem ist, und zwar der pflegebedürftige Mensch überspielt seine Schwachstellen. Besonders ärgerlich ist das, wenn es wirklich wichtig ist, nämlich bei der Begutachtung durch den MDK. Das Resultat der verzerrten Darstellung des Pflegealltags, ist oftmals ein zu niedrig angesetzter Pflegegrad. Daraus ergibt sich in den meisten Fällen eine Unterversorgung, sprich die nötigen Pflegeleistungen werden nicht im vollen Umfang von der Pflegeversicherung, also der Pflegekasse, übernommen und alle Beteiligten müssen unnötigerweise leiden. Doch wie kann man diese Diskrepanzen vermeiden? Wie kann man dafür sorgen, dass mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der Pflegegrade herrscht? Grundsätzlich ist zunächst einmal wichtig, dass man Problemstellen erkennt, anspricht und einen Diskurs fördert. Um diesen anzustoßen, bietet Sanubi zwei Lösungsansätze, bzw. Vorschläge, an, wie man das Neue Begutachtungsassessment verbessern könnte, denn ganz abrücken sollte man davon nicht. Der erste Punkt an dem man ansetzen könnte, ist die Begutachtung in zwei Teile, also einen zweigeteilten Begutachtungstermin, aufzusplitten. Genauer gesagt, könnte man einen Besuch am Vormittag und einen am späteren Nachmittag ansetzen. Der Gutachter könnte auf diesem Weg einen besseren Einblick bekommen und feststellen, wie es einer Person zu unterschiedlichen Tageszeiten geht, und was sie für eine Entwicklung durchmacht. Ein anderer Vorschlag wäre den pflegenden Angehörigen mehr Mitspracherecht zu geben, bzw. ihren Aussagen bei der Einstufung mehr Gewicht beizumessen und gleichzeitig auch ihren Arbeitsaufwand stärker zu berücksichtigen. Beide Optionen haben Vor- und Nachteile, sind aber keinesfalls die einzigen Lösungsansätze, die in Frage kommen. Klar ist aber, dass sich etwas ändern sollte!