Es ist ein belastendes Problem, über das niemand gerne spricht: Viele pflegebedürftige Menschen leiden unter einer Inkontinenz, umgangssprachlich oft Blasen- oder Darmschwäche genannt. Nicht nur für Betroffene selbst ist das mit viel Scham, Unsicherheit und Unwohlsein verbunden. Auch pflegende Angehörige sehen sich vor große Herausforderung gestellt. Der Pflegeaufwand erhöht sich oft enorm, hinzu kommen Fragen wie: Welche Inkontinenzprodukte sind geeignet? Können wir noch gemeinsam Ausflüge machen? Wie gehe ich mit meinen eigenen Ekel- oder Schamgefühlen um?

Wir haben Tipps für Sie zusammengestellt, wie Sie den gemeinsamen Pflegealltag mit Inkontinenz entspannt bewältigen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Harn- oder Stuhlinkontinenz ist ein häufiges Problem im höheren Alter, mindestens ein Drittel der über 80-Jährigen ist betroffen.
  • Pflegerische Hilfsmittel erleichtern den Umgang mit Inkontinenz. Die Kosten werden teilweise von den Krankenkassen übernommen.
  • Bei Inkontinenz ist eine besonders sorgfältige Körperpflege wichtig, um Folgeprobleme wie Hautschäden zu vermeiden.
  • Inkontinenz soll nicht zu Einsamkeit und Isolation führen. Mit guter Vorbereitung sind anregende Aktivitäten und Sozialkontakte trotz Inkontinenz möglich.

Inkontinenz in der häuslichen Pflege: häufig und belastend

Dass Erwachsene ihre Ausscheidungen kontrollieren können, wird in unserer Gesellschaft als normal vorausgesetzt. Doch im höheren Alter geht diese Fähigkeit aus verschiedenen medizinischen oder psychischen Gründen oft verloren.

Definition: Inkontinenz bedeutet, dass man wiederholt ungewollt Harn oder Stuhl verliert. Man spricht dann von einer Harn- oder Stuhlinkontinenz.

Inkontinenz ist zwar keine zwangsläufige „Alterserscheinung“, tritt aber doch im fortgeschrittenen Lebensalter gehäuft auf. Mögliche Gründe und Risikofaktoren sind:

  • Muskelschwäche (Schließmuskel, Beckenboden)
  • Nervenstörungen im Bereich von Blase und Schließmuskel
  • Beeinträchtigte Gehirnfunktion, z.B. nach einem Schlaganfall
  • Chronische Harnwegsinfekte
  • Begleiterkrankungen wie Diabetes, Parkinson, Herzinsuffizienz
  • Medikamente mit Auswirkungen auf die Kontinenz (z.B. Diuretika, Betarezeptorenblocker, ACE-Hemmer)
  • Eingeschränkte Mobilität oder Geschicklichkeit
  • Verwirrtheitszustände, Demenz

Wissenschaftliche Studien zeigen: In der Altersgruppe der über 80-Jährigen, die noch zu Hause leben, sind rund ein Drittel von einer Harninkontinenz betroffen. Oft ziehen ältere Menschen mit einer Inkontinenz in ein Pflegeheim um. Bei Bewohnern von Pflegeeinrichtungen liegen die Zahlen daher wesentlich höher: Laut einer Studie der Humboldt-Universität Berlin besteht bei 70 Prozent der Pflegeheim-Bewohner eine Harn- und / oder Stuhl-Inkontinenz.

Es gibt leider keine genauen Daten, wie viele Menschen in häuslicher Pflege unter Inkontinenz leiden. Der Anteil dürfte aber erheblich sein. Eines ist sicher: Als Betroffener oder pflegende Angehörige sind Sie mit dieser Thematik nicht allein!

Was tun bei Inkontinenz im Alter?

Wer zum ersten Mal mit dem Thema Inkontinenz konfrontiert wird, fühlt sich oft unsicher oder überfordert. Wichtig ist, sich umfassend zu informieren und bei Bedarf auch Hilfe von außen heranzuziehen. Es ist nützlich, einige Grundregeln zu beachten:

Einen Arzt aufsuchen

Auch im höheren Alter ist Inkontinenz kein unvermeidbares Schicksal! Es ist daher wichtig, zunächst ärztlichen Rat einzuholen. Als erster Ansprechpartner kommt natürlich der Hausarzt in Frage. Zur genaueren Abklärung kann ein Besuch beim Urologen, Internisten, Gynäkologen oder Neurologen nötig sein.

Durch eine individuell angepasste Therapie lässt sich eine Inkontinenz – je nach genauer Ursache – oft lindern oder heilen. Zur Behandlung einer Harn- oder Stuhlinkontinenz kommen Medikamente, Physiotherapie, in manchen Fällen Operationen in Frage. Auch Beckenbodentraining ist bei Inkontinenz oft sinnvoll.

Gut zu wissen!

Sie erleichtern dem Arzt die Diagnose, wenn Sie über einige Zeit ein Trinkprotokoll und Miktionstagebuch führen. Das heißt, Sie protokollieren, wie viel Ihr Angehöriger trinkt, wann er zur Toilette geht oder Harn bzw. Stuhl verliert. Kostenlose Vorlagen finden Sie im Internet.

Pflegeberatung in Anspruch nehmen

Bei einer Inkontinenz kommen auf pflegende Angehörige viele neue Aufgaben zu: sei es die Auswahl von Inkontinenzprodukten oder die richtige Körperpflege und Intimhygiene. Was konkret sinnvoll und notwendig ist, hängt oft stark von den individuellen Voraussetzungen ab. Pflegefachkräfte oder Pflegeberatungsstellen können Ihnen auf kompetente Weise weiterhelfen.

Selbstständigkeit fördern

Gute Pflege bei Inkontinenz sollte die noch vorhandenen Fähigkeiten erhalten und ausbauen. Probieren Sie beispielsweise aus, welche Inkontinenzprodukte der Pflegebedürftige gut selbst benutzen kann. Besonders wichtig ist die Förderung von Selbstständigkeit bei Menschen mit Inkontinenz und Demenz – mehr zu diesem wichtigen Thema erfahren Sie in unserem Ratgeber zu Inkontinenz bei Demenz.

Grenzen respektieren

Inkontinenz ist ein schambesetztes Thema. Sprechen Sie mit Ihrem Angehörigen offen, aber einfühlsam über die praktischen Herausforderungen und Probleme, die damit verbunden sind. Entscheiden Sie gemeinsam, wie Sie vorgehen, und akzeptieren Sie, wenn der Pflegebedürftige bestimmte Maßnahmen ablehnt.

Nehmen Sie aber auch Ihre eigenen Scham-, Unsicherheits- oder Ekelgefühle ernst. Falls Sie sich anhaltend überfordert fühlen, sollten Sie darüber nachdenken, sich von einem professionellen Pflegedienst unterstützen zu lassen.

Welche Hilfsmittel gibt es bei Inkontinenz?

Inkontinenzprodukte: eine Übersicht

Inkontinenzprodukte erleichtern den Alltag mit Inkontinenz und ermöglichen Betroffenen ein weitgehend normales Leben. Die Auswahl ist groß und kann auf den ersten Blick verwirren. Nachfolgend ein kurzer Überblick – detailliertere Informationen finden Sie in unserem Artikel zu Inkontinenzmaterial.

  • Aufsaugende Hilfsmittel: Darunter versteht man Produkte wie Inkontinenzhosen, Windeln oder Einlagen. Hochwertige Produkte verfügen im Inneren über einen sogenannten Superabsorber, der flüssigkeitsbindend und geruchshemmend wirkt. Welche Hilfsmittel geeignet sind, hängt vom Schweregrad der Inkontinenz, vom Geschlecht und der konkreten Situation ab: So können nachts extra saugstarke Produkte mit Auslaufschutz sinnvoll sein, während tagsüber Tragekomfort und Geruchshemmung im Vordergrund stehen.
  • Ableitende Hilfsmittel: Wenn Betroffene die Kontrolle über ihre Blase völlig verloren haben, findet man mit Inkontinenzprodukten wie Windeln oft nicht mehr das Auslangen. Eine mögliche Alternative sind Katheter oder Urinbeutel. Lassen Sie sich zu diesem Thema am besten von Ihrem Arzt beraten.
  • Funktionell-anatomische Produkte: Dazu zählen beispielsweise Analtampons oder Harnröhrenstöpsel, die ungewollte Ausscheidungen verhindern. Man sollte sie nur nach ärztlichem Rat anwenden, denn bei falschem Gebrauch können sie auch schädlich sein.

Gut zu wissen!

Windeln oder Inkontinenzhosen sind sehr sinnvoll, um ungewollte Ausscheidungen aufzufangen. Trotzdem ist ein regelmäßiger Toilettengang wichtig, um die Kontinenz zu fördern und zu erhalten. Bettlägerige Personen können dazu Hilfsmittel wie Toilettenstühle, Urinflaschen oder Steckbecken nutzen.

Wie ist die Kostenübernahme für Inkontinenz-Hilfsmittel geregelt?

Bei der Kostenübernahme für Inkontinenzhilfsmittel gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

  • Inkontinenzartikel auf Rezept: Unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt die Krankenkasse einen Teil der Kosten für Inkontinenzartikel wie Windeln oder Einlagen. Dazu benötigen Sie ein Rezept von Ihrem Arzt.
  • Kostenlose Pflegehilfsmittel: Falls Ihr Angehöriger einen Pflegegrad 1 – 5 hat, stehen Ihnen zusätzlich Pflegehilfsmittel im Wert von 40 EUR monatlich zu. Dazu zählen allerdings keine Windeln, Pants oder Einlagen. Sie erhalten als Pflegehilfsmittel aber Inkontinenz-Bettschutzeinlagen, Desinfektionsmittel oder Einweghandschuhe, die bei der Pflege von Menschen mit Inkontinenz sehr nützlich sind.

Die richtige Körperpflege bei Inkontinenz

Eine sorgfältige Körperpflege hat bei Inkontinenz besondere Bedeutung. Zum einen aus medizinischen Gründen, denn Stuhl und Urin kann die Haut reizen und Infektionen hervorrufen. Zum anderen ist eine angemessene Körperhygiene auch aus psychosozialen Gründen wichtig. Denn wer etwa befürchtet, schlecht zu riechen, zieht sich häufig zurück, was Einsamkeit und Depression zur Folge haben kann.

Vorsicht!

Bei der Intimpflege werden häufig die Schamgrenzen sowohl von Pflegebedürftigen als auch Pflegenden überschritten. Versuchen Sie hier, eine gute Balance zu finden. Oft ist es für beide Seiten angenehmer, wenn Betroffene die Intimpflege unter Anleitung oder mit etwas Unterstützung selbst durchführen. Wichtig ist auch, bei der Intimhygiene Einweghandschuhe zu verwenden. Das ist hygienischer und schafft Distanz.

Grundsätzlich gilt: Reinigen Sie den Intimbereich regelmäßig und immer nach einer Stuhlausscheidung. Herkömmliche Seifen sind dazu weniger geeignet, benutzen Sie besser pH-neutrale Waschlotions oder einen speziellen Reinigungsschaum. Um kleinere Verschmutzungen zu beseitigen, können Sie auch hautfreundliche Einweg-Reinigungstücher verwenden. Trocknen Sie die Haut anschließend gründlich ab, auch in den Falten, wobei Sie eher tupfen als reiben sollten.

Anschließend sollten Sie die Haut pflegen. Es gibt spezielle Hautschutz-Salben, die bei Inkontinenz einen Schutzfilm auf der Haut bilden und Infektionen vorbeugen – lassen Sie sich dazu in der Apotheke oder von Ihrem Arzt beraten.

Vorsicht!

Stark fettende Produkte oder zu dick aufgetragene Salben können die Saugleistung von Inkontinenzprodukten beeinträchtigen.

Achten Sie bei der Intimpflege immer auch auf mögliche Hautveränderungen und ziehen Sie im Zweifelsfall einen Arzt zurate.

Praxistipps: Wie gehe ich mit Inkontinenz um?

Der Pflegealltag mit Inkontinenz

Durch eine angemessene Pflege ist auch mit Inkontinenz ein weitgehend normaler, entspannter Alltag möglich. Wichtige pflegerische Maßnahmen bei Inkontinenz sind:

  • Regelmäßig zur Toilette gehen: Auch wenn Ihr Angehöriger Inkontinenzprodukte verwendet, sollten Sie Ihn regelmäßig alle 2 bis 3 Stunden zur Toilette führen bzw. an den Toilettengang erinnern. Oft bessert sich die Inkontinenz allein schon durch ein konsequentes Toilettentraining.
  • Inkontinenzprodukte regelmäßig wechseln: Windeln oder Einlagen sollten Sie mehrmals täglich wechseln. Bei der Pflege von Menschen mit Stuhlinkontinenz ist es wichtig, nach jeder Stuhlausscheidung sofort den Intimbereich gründlich zu reinigen und ein frisches Inkontinenzprodukt anzulegen.
  • Ausreichend trinken: Menschen mit Harninkontinenz trinken oft zu wenig, um den Harnverlust gering zu halten. Dadurch steigt jedoch das Risiko für Harnwegs- oder Niereninfekte. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt über die richtige Trinkmenge beraten – normalerweise sind 1,5 bis 2 Liter pro Tag sinnvoll. Koffeinhaltige und alkoholische Getränke sollte man eher vermeiden, weil sie stark harntreibend wirken.
  • Auf die Ernährung achten: Vor allem bei Stuhlinkontinenz ist eine angepasste Ernährung wichtig. Falls Ihr Angehöriger zu Verstopfung neigt, sind ballaststoffreiche Nahrungsmittel wie Trockenpflaumen, Sauerkraut oder Flohsamenschalen hilfreich. Bei dünnflüssigem Stuhl sollten Sie stopfende Lebensmittel wie Bananen, gekochte Möhren oder geriebenen Apfel anbieten. Vermeiden Sie schwer verdauliche und stark blähende Speisen wie fettes Fleisch, Zwiebeln oder Frittiertes.
  • Bequeme Kleidung wählen: Achten Sie darauf, dass sich die Kleidung einfach ablegen lässt. Gut geeignet sind etwa Kleidungsstücke mit Gummizug, weniger praktisch sind Knöpfe oder Reißverschlüsse.
  • Für eine sichere Umgebung sorgen: Der Pflegebedürftige sollte die Toilette rasch und sicher erreichen können. Beseitigen Sie daher Hindernisse wie Möbel, Teppichkanten oder Türschwellen. Auf der Toilette und im Bad sorgen rutschfeste Matten und Haltegriffe für Sicherheit. Aufstehhilfen oder Toiletten-Stützgestelle erleichtern den selbstständigen Toilettengang.
  • Schlechten Gerüchen vorbeugen: Benutzen Sie für gebrauchte Windeln oder Einlagen einen dicht schließenden Abfalleimer, der sich leicht reinigen lässt. Häufiges Lüften oder ein dezenter Raumduft helfen ebenfalls, schlechte Gerüche zu vermeiden.
  • Matratzen und Polstermöbel schützen: Verwenden Sie für Bett, Sofa oder Autositz spezielle Inkontinenz-Schutzauflagen. Sie können diese mit einer waschbaren Decke kaschieren.

Vorbereitung auf die Nacht

Damit Sie und Ihr Angehöriger nachts ruhig schlafen können, sollten Sie sich Folgendes zur Gewohnheit machen:

  • Trinkmenge abends reduzieren: Bieten Sie über den Tag verteilt ausreichend Getränke an. Zum Abend hin ist es jedoch sinnvoll, die Trinkmenge zu reduzieren, um nächtlichen Harndrang oder Harnverlust zu verringern.
  • Ein letzter Toilettengang: Erinnern Sie Ihren Angehörigen an den Toilettengang oder führen Sie ihn zur Toilette, bevor er zu Bett geht.
  • Geeignetes Inkontinenzprodukt wählen: Inkontinenzprodukte speziell für die Nacht sollten besonders saugstark sein, aber auch einen guten Auslaufschutz in liegender Position bieten. Gut geeignet sind beispielsweise Inkontinenzvorlagen in Kombination mit einer Fixierhose.
  • Inkontinenz-Bettschutzauflage verwenden: Um das Bettlaken bei Inkontinenz vor Verschmutzungen zu schützen, sind Betteinlagen sehr nützlich. Es gibt sowohl waschbare Betteinlagen als auch Einweg-Produkte.
  • Für ausreichende Beleuchtung sorgen: Nachtlichter oder Bewegungsmelder erleichtern es Ihrem Angehörigen, nachts sicher die Toilette zu erreichen.
  • Inkontinenzprodukte wechseln: Eine ungestörte Nachtruhe ist sowohl für Sie als auch Ihren Angehörigen wichtig. Doch Sie sollten abwägen: Ist das Bett morgens regelmäßig nass, sorgt auch das für Stress und Unbehagen. Bei starker Inkontinenz kann es daher sinnvoll sein, das Inkontinenzprodukt nachts einmal zu wechseln.

Unterwegs mit Inkontinenz

Menschen mit Inkontinenz vermeiden es oft, das Haus zu verlassen. Zu groß ist die Angst, nicht rechtzeitig zur Toilette zu können oder vielleicht unangenehm zu riechen. Anregende Aktivitäten und soziale Kontakte sind jedoch wichtig, denn Isolation macht einsam und depressiv! Mit guter Vorbereitung sind Spaziergänge, Besuche und sogar Urlaubsreisen durchaus möglich.

Kürzere Ausflüge lassen sich mit einem gut sitzenden, geruchshemmenden Inkontinenzprodukt meist gut bewältigen. Erinnern Sie Ihren Angehörigen an einen letzten Toilettengang, bevor Sie das Haus verlassen. Informieren Sie sich auch über nahe gelegene Toiletten. Auskünfte erhalten Sie beim Bürgeramt oder bei Tourismus-Informationen – oder Sie nutzen spezielle Smartphone-Apps.

Für längere Ausflüge und Reisen sollten Sie die benötigten Inkontinenzprodukte in ausreichender Menge mit dabei haben. Tipp: Zum Wechseln von Einlagen oder Windeln eignen sich behindertengerechte Toiletten besser, weil sie mehr Platz bieten.

Gut zu wissen!

Der Verein Inkontinenz Selbsthilfe e.V. hat auf seiner Website nützliche Tipps zum Verreisen mit Inkontinenz gesammelt.

FAQ - Häufige Fragen zum Thema Inkontinenz in der Pflege