Ein Expertenstandard Pflege wird entwickelt, um die Qualität im Pflegesektor zu erhöhen. Mit vordefinierten Zielen und Maßnahmen verbessern die Expertenstandards die ambulante und stationäre Versorgung von Patienten. Doch wie werden sie entwickelt und welche Expertenstandards gibt es bereits? Wir geben Ihnen heute einen tiefen Einblick in das Thema und verraten, wie Expertenstandards die Pflegelandschaft nachhaltig verändern.

Das Wichtigste in Kürze

  • Expertenstandards werden von einem professionellen Team erarbeitet, das praktische Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Pflegewissenschaft miteinbezieht.
  • In den Expertenstandards werden Ziele und Pflegemaßnahmen definiert, die für Pflegeeinrichtungen verbindlich sind.
  • Derzeit gibt es 13 Expertenstandards, von denen 11 veröffentlicht wurden.
  • Bei der Implementierung von Expertenstandards sollten Pflegeeinrichtungen die Mitarbeiter involvieren.
  • Da Expertenstandards regelmäßig überprüft und aktualisiert werden, sollten auch Pflegeeinrichtungen ihre Standards dahingehend anpassen.

Was ist ein Expertenstandard?

Gemäß Expertenstandard-Definition sind Expertenstandards Instrumente, die sowohl zur Qualitätssicherung als auch zur Weiterentwicklung der Pflegequalität herangezogen werden. Qualität spielt in der Pflege eine große Rolle, denn sie sagt aus, wie gut ein Patient im Pflegealltag versorgt wird. Grundsätzlich hat jeder Pflegebedürftige ein Anrecht auf eine qualitative und individuelle Pflege. In der Praxis gibt es aber durchaus Unterschiede mit Blick auf die Qualität. Die Expertenstandards stehen für Einheitlichkeit, denn sie haben das Ziel, die Pflegequalität auf ein gemeinsames Level zu bringen. Hierzu liefern sie dem Pflegepersonal vorgefertigte Pflegeziele und Pflegemaßnahmen.

Was ist der Unterschied zwischen Expertenstandards und Pflegestandards?

Wenn Sie in der Pflege arbeiten, kennen Sie neben Expertenstandards bestimmt auch den Begriff Pflegestandards. Zwischen beiden Begrifflichkeiten gibt es deutliche Unterschiede.

  • Ein Pflegestandard wird innerhalb einer Einrichtung erarbeitet, also betriebsintern. Demnach kann jede Einrichtung andere Pflegestandards haben.
  • Ein Expertenstandard wird von einem Expertenteam einheitlich für alle Einrichtungen entwickelt.

So werden Expertenstandards entwickelt

Ein Expertenstandard lebt davon, dass er zahlreiche Einflüsse berücksichtigt. Das ist wichtig, denn die Pflege bewegt sich in einem Umfeld, das sich stetig weiterentwickelt. Aus diesem Grund werden bei der Entwicklung Informationen aus der Pflegewissenschaft verarbeitet. Zudem fließen Erfahrungen aus der Pflegepraxis mit ein. Das stellt sicher, dass die Expertenstandards sich nahe an der Praxis orientieren und später einfacher implementiert werden können. Die Expertenstandards werden aber nicht klammheimlich in einem Kämmerchen entwickelt und dem Pflegepersonal vorgeschrieben. Vielmehr ist die Entwicklung der Expertenstandards ein sehr dynamischer Prozess, der auch die Öffentlichkeit miteinbezieht.

In 5 Schritten zum Expertenstandard:

    1. Die Erarbeitung eines Expertenstandard-Entwurfs: Eine fachkundige Gruppe, bestehend aus acht bis zwölf Experten, stellt einen Entwurf für das vorliegende Thema zusammen. Bereits hier werden Ziele und Maßnahmen in der Pflege festgelegt. Zudem erarbeiten die Experten Kriterien, mit denen es später gelingt, den Erfolg der Maßnahmen zu bewerten.
    2. Die Vorstellung beim Fachpublikum: Nun wird der Entwurf in der sogenannten Konsensus-Konferenz der Fachöffentlichkeit erläutert. Experten tauschen sich hier in Gesprächen über Sinnhaftigkeit und Verbesserungsmaßnahmen aus. Auch eine schriftliche Stellungnahme der Fachöffentlichkeit ist möglich.
    3. Der Praxistest: Reine Theorie nützt einem Expertenstandard nur wenig. Um zu überprüfen, wie sich das Instrument in der Praxis schlägt, wird der Expertenstandard vorläufig in ungefähr 25 Einrichtungen in einem Modellprojekt eingeführt. Dabei handelt es sich übrigens sowohl um ambulante als auch stationäre Einrichtungen. Die Erprobung nimmt etwa sechs Monate in Anspruch und greift auf ein 4-stufiges Phasenmodell zurück.
    4. Die Veröffentlichung des Expertenstandards: Der Öffentlichkeit werden die Expertenstandards in diesem Schritt im vollen Umfang zur Verfügung gestellt. Dazu zählen unter anderem die Literaturstudie und die Ergebnisse des Praxistests.
    5. Überprüfung des Expertenstandards: Das Pflegepersonal arbeitet in einem sehr dynamischen Umfeld. Ständig ergeben sich neue Einflüsse oder pflegewissenschaftliche Erkenntnisse. Aus diesem Grund werden die Expertengruppen in einem jährlichen Prozess gefragt, ob der jeweilige Expertenstandard aktualisiert werden muss. Nach fünf Jahren steht eine eingehende Überprüfung des Expertenstandards an.

Wie viele Expertenstandards gibt es?

Das Deutsche Netzwerk für Qualitätssicherung in der Pflege, kurz DNQP, entwickelt gemeinsam mit dem Deutschen Pflegerat die Expertenstandards. Aus diesem Grund stoßen Sie bei Ihrer Recherche auch häufig auf den Begriff DNQP-Expertenstandard. Das Bundesministerium für Gesundheit fördert die Entwicklung, indem es sich finanziell beteiligt. Derzeit gibt es 13 Expertenstandards, von denen zwei noch nicht veröffentlicht wurden.

Dazu zählen:

  1. Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege
  2. Expertenstandard Entlassmanagement in der Pflege
  3. Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen (Neu: Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege 2020)
  4. Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege
  5. Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege
  6. Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden
  7. Expertenstandard Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege
  8. Expertenstandard Förderung der physiologischen Geburt
  9. Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen (Neu: Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege 2020)
  10. Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Mobilität
  11. Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz
  12. Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Mundgesundheit in der Pflege (noch nicht veröffentlicht)
  13.  Expertenstandard Hautpflege (noch nicht veröffentlicht)

Expertenstandard Pflege im Detail

An dieser Stelle möchten wir Ihnen verraten, was sich genau hinter den bereits veröffentlichten Expertenstandard-Thementiteln verbirgt. Die folgende Tabelle zeigt Ihnen auf, welche Ziele die jeweiligen Expertenstandards haben. Zur besseren Übersicht haben wir die jeweiligen Bezeichnungen der Expertenstandards gekürzt.

Expertenstandard Ziele und Aufgaben
Expertenstandard Dekubitus Druckgeschwüre (Dekubitus) belasten die Gesundheit und Lebensqualität von Patienten. Das Ziel dieses Expertenstandards ist es, die Ausbildung von Druckgeschwüren zu verhindern. Dabei können Lagerungstechniken und Mobilitätsförderung helfen.
Expertenstandard Entlassmanagement Ein strukturierter Entlassungsprozess und das anschließende Management tragen dazu bei, dass Patienten auch nach dem Aufenthalt in einer Einrichtung optimal betreut werden. Ziel des Expertenstandard Entlassmanagement ist es, mit einer guten Kommunikationsstruktur und einer kontinuierlichen Behandlung Versorgungsdurchbrüche zu vermeiden.
Expertenstandard Schmerz Dieser Expertenstandard setzt sich dafür ein, dass Patienten ein gutes Schmerzmanagement erhalten. So wird einer Chronifizierung von Schmerzen vorgebeugt und eine Schmerzlinderung fokussiert. Die Ziele werden unter anderem durch Einbeziehung von pflegerischen Schmerzexperten erreicht.
Expertenstandard Sturz Mit einer Sturzprophylaxe kann Stürzen und damit Verletzungen vorgebeugt werden. Der Sturzprophylaxe-Expertenstandard sieht hier beispielsweise den Einsatz von Hilfsmitteln wie Hüftprotektoren oder Übungen zur Gleichgewichtsverbesserung vor.
Expertenstandard Harnkontinenz Der Expertenstandard Harnkontinenz hat das Ziel, die Blase und die beteiligten Körperstrukturen funktionstüchtig zu halten. Die Kontrolle der Blasenaktivität und die optimale Lage eines Katheters sind wichtige Aufgaben.
Expertenstandard Ernährung Dieser Expertenstandard stellt Pflegemaßnahmen während der Ernährung in den Mittelpunkt. Diese reichen von aktivierenden Worten bis hin zu einer aktiven Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme. So soll einer Mangelernährung vorgebeugt werden.
Expertenstandard Geburt Hier handelt es sich nicht um einen klassischen Expertenstandard für die Pflege, da er sich vornehmlich an Hebammen und Entbindungspfleger richtet. Das Ziel des Expertenstandards ist es, die physiologische Geburt zu fördern, indem den Gebärenden eine bedarfs- und bedürfnisgerechte Unterstützung bzw. Beratung angeboten wird.
Expertenstandard chronische Wunden Der Expertenstandard chronische Wunden setzt sich sowohl für das Selbstmanagement der eigenen Gesundheit als auch für die Lebensqualität der Patienten ein. Mithilfe der Pflegekräfte erhält der Patient Informationen, wie die Wunden im Alltag versorgt werden können und wie ein unabhängiges Leben trotz chronischer Wunden möglich ist.
Expertenstandard Demenz Menschen mit Demenz, die pflegebedürftig sind, sollen in der Pflege das Gefühl von Akzeptanz und Verständnis erfahren. Dieser Expertenstandard hat das Ziel, bei der Pflege einen individuellen Unterstützungs- und Beziehungsbedarf zu ermitteln und den Bedürfnissen gerecht zu werden. Dazu können auch Angehörige mit einbezogen werden.
Expertenstandard Mobilität Jede pflegebedürftige Person soll mithilfe des Expertenstandards Mobilität dabei unterstützt werden, mobil zu werden und zu bleiben. Das Pflegepersonal kann hierzu eine eingehende Beratung anbieten und verschiedene Maßnahmen implementieren.

Implementation von Expertenstandards – Schritt für Schritt

Sie möchten die Expertenstandards in Ihre Einrichtung einbinden? Eine strukturierte Herangehensweise hilft Ihnen dabei, die vielen Informationen zu ordnen und die Pflegequalität anhand der Expertenstandards sinnvoll zu erhöhen. Wir helfen Ihnen gerne dabei und stellen Ihnen eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Verfügung.

  1. Schritt: Recherchieren und Zusammentragen: Zunächst sollten Sie sich damit befassen, welche Veröffentlichungen es bereits zu den Expertenstandards der Pflege gibt. Danach organisieren Sie sich alle notwendigen Unterlagen. Unser Tipp: Alle Expertenstandards können Sie in kompletter Form bei der DNQP bestellen. Allerdings sind diese kostenpflichtig, die Kosten dafür betragen ca. 15-35 Euro pro Exemplar.
  2. Schritt: Die Reihenfolge bestimmen: Insgesamt gibt es elf veröffentlichte Expertenstandards. Entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrem Team, welche davon als erstes implementiert werden sollten. So gelingt es Ihnen, eine Liste zu erstellen, die eine sinnvolle Reihenfolge berücksichtigt. In einem Altersheim wären beispielsweise die Expertenstandards zum Thema Ernährung, Mobilisation und Harnkontinenz entscheidend.
  3. Schritt: Inhaltliche Auseinandersetzung und Konkretisierung: Nehmen Sie sich Zeit, um die Expertenstandards ausgiebig zu sichten. Dazu gehören auch die Kommentare. Im Anschluss konkretisieren Sie für Ihre Einrichtung die Standardkriterien und entwickeln einen Maßnahmenplan. Der von Ihnen entwickelte Standard muss zwangsläufig das Qualitätsniveau des Expertenstandards erreichen. Dazu gehört auch, dass Sie die im Expertenstandard angeführten Assessments regelmäßig durchführen.

Expertenstandards richtig lesen: so geht’s!

Eine abschließende Veröffentlichung eines Expertenstandards enthält:

  • Bericht zur Entwicklung und Konsentierung des Expertenstandards
  • Expertenstandard, inklusive Kommentare
  • Literaturstudie
  • Bericht zur Implementierung sowie das zugehörige Auditinstrument

Besonders hilfreich ist die Zusammenstellung der Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien, die sich auf einer Seite befindet. Dabei handelt es sich um einen Auszug aus dem Expertenstandard, den Sie kostenlos auf Expertenstandards und Auditinstrumente | Hochschule Osnabrück (dnqp.de) herunterladen können. Um sich einen vollständigen inhaltlichen Überblick verschaffen zu können, müssen Sie sich jedoch die kostenpflichtige Version zulegen. Nur so erhalten Sie auch die entsprechenden Erklärungen.

  1. Schritt: Standard vorstellen: Haben Sie in Anlehnung an den Expertenstandard für sich einen Standard entworfen, der die geforderte Qualität einhält, ist es an der Zeit, diesen den Mitarbeitern vorzustellen. Geben Sie ihnen die Gelegenheit für Einwände und die Beurteilung der Praxistauglichkeit. So erhalten Sie wichtige Anregungen, um Ihren Standard noch weiter anzupassen.
  2. Schritt: Fortbildungsbedarf feststellen: Um die Pflege noch qualitativer zu gestalten, benötigen Ihre Mitarbeiter womöglich eine Fortbildung. Erforschen Sie, inwiefern Wissenslücken zum Beispiel mit Blick auf Lagerungstechniken, Dekubitusprophylaxe und Co. bestehen und leiten Sie die erforderlichen Fortbildungen ein. Übrigens: Auch die Durchführung der Standards an sich sollte gemeinsam mit den Mitarbeitern geübt werden.
  3. Schritt: Verbindliches Datum festlegen: In diesem Schritt kommunizieren Sie klar, ab welchem Zeitpunkt der Standard verbindlich im Pflegealltag umgesetzt werden soll. Stellen Sie sicher, dass alle Mitarbeiter die Information erhalten haben. Sie können zum Beispiel jedem Mitarbeiter eine Kurzfassung des entsprechenden Standards aushändigen.
  4. Schritt: Kontrollieren und dokumentieren: Dieser ganz entscheidende Schritt trägt dazu bei, dass der Expertenstandard auch tatsächlich im Pflegealltag ankommt. Die Pflegevisite oder die Pflegedokumentation bieten eine hervorragende Möglichkeit, um festzustellen, ob die Ziele und Aufgaben des Expertenstandards eingehalten werden.

Gut zu wissen!

Der Expertenstandard bleibt nicht immer gleich. Ein fachkundiges Team kümmert sich darum, dass die betreffenden Standards regelmäßig aktualisiert werden. Deshalb sollten Sie sich auf den Seiten der DNQP regelmäßig darüber informieren, ob es Erneuerungen gibt. Alternativ können Sie auch in die Suchmaschine Begriffe wie „expertenstandard demenz 2020“ oder „expertenstandard dekubitus 2020“ eingeben. Sollte es tatsächlich Änderungen geben, können Sie Ihre Standards überarbeiten. Zeigen Sie Überarbeitungen und Aktualisierungen in Ihrem Dokument an, indem Sie die Versionsnummer und das Datum anpassen.

Buchtipp: Expertenstandards in der Pflege – eine Gebrauchsanleitung

Sie benötigen Hilfe bei der Implementation der Expertenstandards? Das Buch Expertenstandards in der Pflege – eine Gebrauchsanleitung greift sowohl Führungspersonen als auch Pflegekräften bei der praktischen Umsetzung unter die Arme. Das gelingt mit einer konkreten Anleitung und der Hervorhebung passender Assessmentinstrumente – leicht verständlich und praktikabel.

Bin ich verpflichtet, Expertenstandards zu implementieren?

Nach § 113a SGB XI werden Expertenstandards im Bundesanzeiger veröffentlicht und gehen mit einer Verbindlichkeit für Pflegekassen, die zugehörigen Verbände und zugelassenen Pflegeeinrichtungen einher. Der medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) ist der Ansicht, dass die Expertenstandards den aktuellen Stand der Pflegewissenschaft wiedergeben. Aus diesem Grund heißt es vonseiten des GKV Spitzenverbandes:

„Auch wenn die bisherigen Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege keine direkte gesetzlich definierte Verbindlichkeit nach § 113a SGB XI für die Pflegekräfte und Pflegeeinrichtungen entfalten, können die Expertenstandards dennoch als „vorweggenommene Sachverständigengutachten“ gewertet werden, die bei juristischen Auseinandersetzungen als Maßstab zur Beurteilung des aktuellen Standes der medizinisch-pflegewissenschaftlichen Erkenntnisse herangezogen werden.“

Die Expertenstandards tragen maßgeblich dazu bei, die Qualität in der Pflegelandschaft zu erhöhen und zu vereinheitlichen. Deshalb sind sie für Pflegeeinrichtungen unbedingt empfehlenswert.

FAQ- Häufige Fragen zum Expertenstandard